…verzerrte Schönheit

Du und ich, saßen vor ein paar Jahren in einer Bar. Ich kann es dir nicht erklären, aber an diesem Abend wurde mir irgendwie klar, dass du einen ganz besonderen Platz in meinem Leben einnehmen wirst. Ouhje, kaum denke ich daran, was ich mit dir verbinde, schon kullern mir die Tränen aus den Augen… An diesem Abend habe ich mich zum ersten Mal getraut zu äußern, was es für mich heißt mein Sexualleben auszuleben… Ich war damals noch mit meinem Ex zusammen und die, die meinen Blog etwas länger verfolgen, wissen, dass mein Ex und ich nicht mal eben Sex haben konnten und dafür sehr viel Geld ausgeben mussten, um sich wenigsten hin und wieder sexuell näher kommen zu können. Ich habe dir erzählt, wie sehr mich das zerfressen hat und dass es da eventuell eine Lösung für gäbe, aber dafür hätte ich die Unterstützung meiner Assistenz in Anspruch nehmen müssen. Ich habe mich irgendwie dafür geschämt meine Assistentin darum zu bitten mich nackt in den Lifter zu hängen und mich dann mit meinem damaligen Freund allein zu lassen, um mich von ihm oral befriedigen zu lassen.Von außen betrachtet, kann man sich vielleicht denken, dass ich da meinen Assistenten schon nichts Schlimmes abverlangen wollte, weil sie mich so oder so nackt im Lifter sehen, beispielsweise bei der Pflege. Aber das war für mich eine vollkommen andere Situation, die auch mir bisher nicht bekannt war… Ich wollte mein Sexualleben allein für mich haben und niemand anderen, außer meinen Sexualpartner daran teilhaben lassen.

Ich weiß noch, wie du mir an diesem Abend deutlich machen wolltest, dass das nichts ist, wofür ich mich schämen sollte: „Katja, jeder von uns befriedigt sich selbst, hat Sex… Das ist absolut nichts Unnatürliches, wonach du dich sehnst. Um dein Sexualleben ausleben zu können, bedeutet das für dich, dass du mit anderen in gewisser Weise darüber reden musst. Aber das sind doch alles Dinge, die wir auch tun und wenn eine Assistentin ein Problem dabei hat, dich in dieser Hinsicht zu unterstützen, dann ist sie die falsche Assistentin für dich. Aber das ist noch lange kein Grund dafür, auf dein Sexualleben zu verzichten, nur weil du glaubst, dass deine Assistenz ein Problem damit haben könnte. Ich kann mir vorstellen, dass dir das nicht leicht fällt, aber das ist der einzige Weg.“, so in etwa war deine Message an mich. Deine Worte haben mich noch lange beschäftigt und ich habe tatsächlich deinen Rat umgesetzt. Viele meiner Assistentinnen haben auf folgende Weise reagiert: „Gut, dass du das jetzt ansprichst. Ich habe auch schon überlegt, wie ich dich darauf ansprechen könnte, ob ich dich diesbezüglich irgendwie unterstützen oder dir assistieren könnte.“ Du hast damit einen riesen Stein in meinem Leben ins Rollen gebracht. Seitdem ist dieses Thema auch ein wichtiges Thema bei Bewerbungsgesprächen mit neuen Assistentinnen.

Jedoch glaube ich, dass dir schon sehr früh in unserer Freundschaft aufgefallen ist, dass mein Schamgefühl und die Unsicherheit bezüglich meines Sexuallebens einen ganz bestimmten Grund hat. Allein meine Beziehung zu meiner Scheide, wie ich sie heute unter anderem liebevoll nenne – du kennst mich – war nicht wirklich gesund. Ich hatte ihr gegenüber eine Art Abwehrhaltung… Ich fand sie hässlich, obwohl ich meine Vagina zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich gesehen habe. Aber wie könnte ich sie auch lieben, wenn ich sie weder zuvor gesehen, noch angefasst habe? Zudem hatte ich ab einem gewissen Alter das „Problem“, dass ich nicht mehr die knappsten Höschen tragen konnte, weil nicht alles verdeckt war. Und da ich mir meine Unterwäsche nicht selber anziehen kann, bekam ich in meinem Leben hin und wieder Kommentare diesbezüglich. Daraus schlussfolgerte ich irgendwann, dass meine Scheide riesengroß sein muss und so hässlich ist, dass sie nicht der Norm entspricht und deshalb nicht in knappe Höschen passt. (Ich muss gerade über die Vorstellung lachen.) Irgendwann hast du angefangen meine Haltung bezüglich meiner Vagina zu hinterfragen, indem du genauer nachgefragt hast, warum ich eher negativ über sie spreche. Als ich dir die soeben genannten Gründe offenbarte, hast du mir angeboten Fotos von meiner Scheide zu machen. Du hast versucht mir klarzumachen, dass ich keine riesengroße Scheide habe, aber mit den Fotos sollte ich mich selbst davon überzeugen. Es war mir natürlich irgendwie unangenehm Bilder von meinem Intimbereich machen zu lassen, weil ich es eben nicht im Geheimen selber machen kann. Aber die Neugier war doch größer als mein Schamgefühl. Du glaubst gar nicht, wie weit mich sowas in meiner Selbstakzeptanz gebracht hat. Du hast den Weg geebnet eine andere Beziehung zu meiner Vagina aufzubauen. Weißt du noch, als ich mich darüber beklagt habe, dass Sex für mich nicht immer ganz schmerzfrei war? Eines Tages hattest du Dienst bei mir und ich habe dich kurz vorm Schlafengehen gebeten mir eine Milchsäurebakterienkapsel in mich einzuführen. Als die Kapsel längst in mir verschwunden war, fragte ich dich, warum du mit deinem Finger immer noch in mir rumwühlst 😀 „Ich wollte checken, ob du wirklich so eng bist, wie du immer angibst.“, sagtest du und verdrehtest lächelnd deine Augen. Nachdem ich mich nach meinem Lachflash beruhigen konnte, meintest du: „In deiner Mumu sieht es folgendermaßen aus… darum würde ich sagen, es würde helfen, wenn dein Sexpartner darauf achtet, dass er beim Sex…“ Schatz, du glaubst gar nicht, wie viele Gedanken du mir dadurch genommen hast, die mich eine lange Zeit fertig gemacht haben, weil ich glaubte, dass an mir etwas nicht stimmt. Um nicht die „Spaßbremse“ beim Sex zu sein, gab es einige Tage, an denen ich schmerzhaften Sex über mich ergehen ließ. Dabei war die Lösung gegen die Schmerzen eigentlich ganz einfach und ohne deine „Wühlaktion“ in meiner Vagina hätte ich niemals davon erfahren. Vor gar nicht so langer Zeit saß ich völlig bedröppelt in meinem Wohnzimmer und erzählte dir, dass die Assistentin vom Vortag anscheinend ein zweites Loch in meiner Scheide gefunden hat. Stellt euch vor, man würde euch das sagen, Mädels? Was würdet ihr tun? Ich würdet doch sicher direkt nachsehen. Ich war einfach nur fassungslos. Mein Liebling, du musstest über diese Information so sehr lachen und sagtest: „Aber das glaubst du doch wohl jetzt nicht, oder? Ich bin mir sicher, sie war einfach nur zu dämlich dir eine Kapsel oder ein Tampon einzuführen, oder was auch immer du da wolltest.“ Natürlich war die Vorstellung zwei Löcher unten zu haben für mich vollkommen absurd, vor allem weil ich in meinem Leben auch Frauenarztbesuche hinter mich gebracht habe, irgendeinem von denen wäre das sicher aufgefallen. Aber irgendwie beschäftigte es mich natürlich trotzdem. Einige Tage später wollte ich wieder eine Milchsäurebakterienkapsel einführen lassen (ja, ich tue es regelmäßig, weil es der Scheidenflora sehr gut tut. Kann ich nur empfehlen, Mädels!) und ein erneutes Mal brauchtest du dabei etwas länger als sonst. „So, du hast definitiv keine zwei Löcher. Wie ich schon vermutet habe, hat die gute Assistentin anscheinend selbst keine Ahnung, wie eine Scheide aufgebaut ist und hatte vielleicht deshalb Schwierigkeiten dabei?“, obwohl schon ein wenig Zeit vergangen ist und ich auch nicht mehr darüber gesprochen habe, hattest du anscheinend die Vermutung, dass es mich immer noch beschäftigen könnte. Ich schätze deine Empathie und deine einfühlsame Art sehr. Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal klarstellen, dass zwischen meiner besten Freundin (zeitgleich auch meine Assistentin) absolut nichts Sexuelles passiert ist. Sie ist einfach der offenste und empathischste Mensch, den ich kenne, der auch noch viele Dinge sehr nüchtern betrachtet und absolut keine Berührungsängste hat. Ich liebe dich unheimlich dafür!

Du hast den Kern meiner Selbstzweifel und meiner Unsicherheiten erkannt. Irgendwann fingst du an mich nach der Dusche in meinem Lifter vor dem Spiegel zu parken… Mit dem Kommentar: „Schau nur Schatz, wie wunderschön du doch bist…ähm, ich muss übrigens kurz ins Wohnzimmer, ich hab dort was vergessen.“ In solchen Situationen war mir klar, dass du nichts in dem anderen Zimmer vergessen hast, sondern dass es dir darum ging, dass ich mich in Ruhe nackt vor dem Spiegel betrachte. Jedes Mal hast du mich aus einer anderen Perspektive vor den Spiegel gestellt. Ich hatte Tränchen in den Augen, in solchen Momenten, die du mir geschenkt hast…. Wenn ich nackt vor dir liege oder sitze, hast du ganz plötzlich Ideen, wie man mich auf einem Bild in Szene setzen kann. Ihr müsst euch das so vorstellen: Ich lasse mich ins Bett legen und plötzlich hat meine Sarah einen Einfall: „Das sieht mega sexy aus, wie du gerade liegst. Lass mich ein paar Bilder machen, ich bearbeite sie und schicke sie dir.“ Ich habe nun eine kleine Sammlung an Nacktfotos von mir, die mich daran erinnern sollen, wie schön ich in Wirklichkeit bin:)

Wie ich dir schon oft erzählt habe, wurde das sexuelle Wesen in mir irgendwo belächelt und abgetan, wohl gar nicht aus Böswilligkeit, wahrscheinlich aus Schutz. Meine Familie wollte nicht, dass ich auf irgendeiner Weise in dieser Hinsicht verletzt oder ausgenutzt werde. Auch wenn das alles nicht böse gemeint war, hat es meiner Entwicklung zu einer FRAU stark geschadet. Du Sarah, bist wahrscheinlich in mein Leben getreten, um das Blatt zu wenden. Ich habe in meinem Leben unzählige Komplimente von Männern erhalten, doch keiner dieser Männer hat mich so unwiderstehlich fühlen lassen, wie du es getan hast. Nicht weil du mich wunderschön findest, sondern weil du mich meine eigene Schönheit erkennen lassen hast…vor allem hast du mich erkennen lassen, dass ich eine Frau mit sexuellen Bedürfnissen bin, für die sie sich nicht schämen braucht… Kein Date, kein Sex dieser Welt hätte mir das geben können…du hast mir das verzerrte Bild meiner Schönheit genommen. Du hast mich in gewisser Weise die Körpererfahrungen nachholen lassen, die mir gefehlt haben, um ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln zu können. Selbstverständlich lässt sich das nicht so schnell nachholen, aber du hast mich auf den richtigen Weg gebracht. Du hast mein Selbstbild verändert.

Ich danke dir dafür…

…dass du dir mein Gejammer angehört hast, wie dick, unförmig und was ich sonst noch alles war…

…dass es dich anscheinend so sehr irgendwo beschäftigt hat, dass du Wege gefunden hast mich erkennen zu lassen, dass ich eine verzerrte Wahrnehmung von mir hatte…

…dass ich mich von dir verstanden fühle, egal worum es geht…

…dass du mich verstehen lassen hast, dass meine Behinderung kein riesengroßer Makel ist, sondern einfach nur ein Teil von mir…

…dass ich ein Teil deines Lebens sein darf und du ein Teil meines Lebens bist…

…dass du mir immer wieder vor Augen führst, dass unsere Freundschaft grenzenlos ist…

…dass du zu meiner Familie geworden bist…

Ich muss gerade daran denken, wie wir uns vor ein paar Wochen gestritten haben und während unserer Funkstille von 2-3 Tagen uns gefühlt haben, als wäre ein geliebter Mensch verstorben. Du bedeutest mir unheimlich viel. In den einsamsten Stunden fängst du mich auf. An meinem ersten Geburtstag als frischgebackener Single hast du extra mit mir reingefeiert, damit ich mich um Mitternacht nicht einsam fühle. An Heiligabend hast du mich in den vierten Stock getragen, weil du weißt, dass ich nicht den familiären Background habe, um ein besinnliches Fest verbringen zu können. Silvester hast du mit mir in Berlin verbracht, weil ich mich so sehr in diese Stadt verliebt habe. Wenn ich ein kleines bisschen Liebeskummer habe, kommst du mit deinem kleinen Sohn vorbei (mein „Therapie Baby“) und zauberst mir dadurch ein Lächeln ins Gesicht. Weißt du, was ich an dir so sehr liebe? Du vervollständigst mich nicht, denn das haben wir beide nicht nötig, einen Menschen an unserer Seite zu haben, der uns auf irgendeine Weise ergänzt oder vervollständigt. Denn wir sind verdammte Powerfrauen. Bei dir kann ich einfach ich sein. Ich kann die arrogante Bitch sein…ich kann sogar die zerbrechliche Katja sein, die phasenweise eine Scheißangst vor dem Verlauf ihrer Behinderung hat. Du nimmst mich dann in den Arm, gibst mir einen Kuss und alles ist vergessen. Das muss einfach die wahre Liebe sein. Ich möchte dich niemals missen.

Wer bin ich heute, dank dir?

Natürlich habe ich noch Tage, an denen ich mich furchtbar fühle, aber ich mache mich nicht mehr unnötig fertig, bin selbstsicherer und selbstbewusster geworden. Im Sommer chille ich sogar nur in einem Bikinioberteil und einem Minirock im Park, das hätte es damals nicht gegeben. Ich zeige mich nun absolut gerne. Ob ich diese Entwicklung ohne dich gemacht hätte? Ich denke schon, aber auf keinen Fall so schnell. Danke, dass ich mich nicht erst mit 50 Jahren auf dem Weg befinde meinen Körper zu lieben 😀 Ich liebe dich. Du bist meine beste Freundin. Es gibt noch so viele weitere Gründe, weshalb meine Liebe zu dir so unfassbar groß ist… Ich habe mich lange davor gedrückt diesen Artikel zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass ich gar nicht die richtigen Worte für dich finden kann.

Deine in ewig liebende Dominata-Pussy-Power

Katja <3

PS: was möchte ich mit diesem Beitrag bewirken möchte? Es geht mir nicht darum, dass ihr denkt: wow, was hat sie nur für eine tolle Freundin?! Ich habe großes Glück und fühle mich unheimlich gesegnet deshalb, dass meine beste Freundin mir dies alles ermöglicht hat. Es ist nichts, was man in einer Freundschaft voraussetzen sollte. Was ich euch vielmehr sagen möchte ist, dass es unheimlich wichtig ist, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Es ist meiner Meinung nach auch eine ganz andere Lebensqualität, wenn man sich selbst besser kennt. Ich möchte es allen Frauen ans Herz legen. Aber ich denke gerade den Ladys mit einer Behinderung fällt das aus verschiedenen Gründen so schwer. Wenn die Körpererfahrung an der mangelnden Bewegungsfreiheit scheitert, dann sollte man sich Gedanken über eine Sexualassistenz machen, die einem das ermöglichen kann <3

Mein Körper und ich…

Zurzeit gebe ich mir die größte Mühe mein Studium zu beenden. Ich beschäftige mich mit einem Thema, das mir besonders am Herzen liegt. Ich widme mich bei meinen Hausarbeiten der Thematik: Inwieweit beeinflusst eine chronisch körperliche Behinderung die Entwicklung des Selbstbewusstseins?

Bei meinen Recherchen lese ich immer wieder, dass unsere Körpererfahrungen in den ersten Lebensjahren den Grundstein für unser Selbstbewusstsein bilden. Einerseits meint man damit die „Pflege, Zärtlichkeiten, den Hautkontakt, die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse und die Bewegungen/das `Bewegt-werden´ der Bezugspersonen. Andererseits spricht man von den eigenen Körpererfahrungen, in dem der Mensch seinen Körper selbst erforscht.

Beim Lesen muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie das bei mir war. Wie hat sich mein Selbstbewusstsein entwickelt? Eine schwierige Frage und irgendwie für mich auch schwer zu beantworten.

Welche Körpererfahrungen habe ich gemacht?

Ich kann mich auf jeden Fall daran erinnern, dass ich zum Teil schöne, aber auch sehr viele weniger schöne Erfahrungen gemacht habe.

Meine Mutter hat sich stets liebevoll um mich gekümmert. Von ihr wurde ich verhätschelt und habe den höchsten Grad der Liebe, den ich von ihr bekommen konnte, erfahren.

Aber gerade die ersten Lebensjahre waren für mich zum Teil die Hölle. Ich bin bis zu meinem sechsten Lebensjahr in Kirgistan aufgewachsen. Die medizinischen Umstände waren dort unverantwortlich und einfach nur katastrophal. Man hat meinen Eltern Hoffnungen gemacht, dass ich irgendwann noch laufen lernen könnte und  hat ihnen eine Menge Geld aus der Tasche gezogen. Die Therapiemaßnahmen waren sehr schlimm für mich, obwohl ich noch so jung war, kann ich mich bis heute noch daran erinnern. Es gab nämlich „Ärzte“, die der Meinung waren, dass ich mit genug Bewegungsübungen meine Lauffähigkeit entwickeln könnte.

Der schlimmste Vorfall war, als ich auf den Bauch gelegt wurde und von mir verlangt wurde, dass ich Liegestützen machen sollte. Wer meine Behinderung kennt, sollte wissen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich, als kleines Mädchen habe dennoch versucht mich zu bemühen, weil ich Angst davor hatte, dass mein Therapeut mir ansonsten Schmerzen zufügt. Als meine Bemühungen nicht ausreichten, zog der Therapeut mich zur Strafe an den Haaren hoch und legte anschließend meine Arme über Kreuz auf den Hinterkopf und zog mich hoch, dabei brach er mir die Schulter. Bis heute habe ich noch Auswirkungen von dem Bruch. Nach jeder Sitzung wollte ich unter keinen Umständen von irgendjemanden angefasst werden, weil ich die größte Angst hatte, dass ich wieder unerträgliche Schmerzen erleiden müsste.

Als ich in Deutschland war, stürzten sich sämtliche Ärzte auf mich. Die Mediziner sprachen oft von medizinischer Vernachlässigung. „Wie konnte man es nur so weit kommen lassen?“, sagten die Ärzte häufig. Ich konnte zu dem Zeitpunkt nämlich noch nicht einmal sitzen. Ich hatte eine solch starke Skoliose, dass ich auf der rechten Bauchseite saß, wenn man mich hingesetzt hat. Mein Rücken oder meine Wirbelsäule war quasi der Buchstabe C, nur andersrum. Dementsprechend habe ich meine ersten Lebensjahre im Liegen verbracht. In Deutschland wurde ich dann bereits mit sieben Jahren operiert und bekam eine Wirbelsäulenversteifung. Rückblickend kann ich sagen, dass das die beste Entscheidung war, die für mich getroffen wurde. Ich erinnere mich noch, dass mein Arzt immer wieder betont hat, was für ein schönes Mädchen ich sei und dass er mir die bestmögliche Lebensqualität ermöglichen möchte. Ob das „hübsch sein“ ein Grund dafür war, mag ich zu bezweifeln, aber es war sicher nett gemeint von ihm.

Im übrigen waren auch meine Sehnen im Leistenbereich so sehr verkürzt, dass man meine Beine nicht wirklich auseinander bekommen hat, woraufhin die Ärzte meinen Eltern ans Herz gelegt haben, eine weitere OP zu erlauben, um dem entgegenwirken zu können. Meine Mutter war vollkommen aus dem Häuschen: „Das klingt sehr gut, dann ist nämlich die Pflege sehr viel einfacher…“, woraufhin der Arzt erwiderte: „Ich fürchte nicht nur das, irgendwann…“. Zu der Zeit war ich nicht mehr ein kleines Mädchen, sondern fast auf dem Weg eine junge Frau zu werden. Ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn mein Orthopäde solche Sprüche gebracht hat und meine Mutter damit ein wenig irritierte. Sie hat es nämlich schon immer ausgeschlossen, dass ich irgendwann ein Sexualleben haben werde.

Wenn ich zurück denke, hat er mir oft vermittelt, dass aus mir eine attraktive junge Frau werden wird, aber irgendwie erinnere ich mich auch an ein immer dazugehöriges kleines „aber“. Er hat sich zum Beispiel dafür „entschuldigt“, weil nicht das gewünschte Ergebnis nach der OP erreicht wurde. „Ich hätte dich so gerne noch gerader bekommen.“, ist zum Beispiel ein Satz, der mich noch lange beschäftigt hat.

Ich bin schön, aber nicht gerade genug… war eine Message, die mich lang begleitet hat, wenn nicht sogar noch immer begleitet. Die Korrektur meiner Wirbelsäule ist ein immer wiederkehrendes Thema, weil mich Untersuchungen diesbezüglich bis an mein Lebensende begleiten werden. Vielleicht weil das ein so großes Thema, gerade am Anfang meines Lebens und somit auch innerhalb einer sehr prägsamen Zeit war, habe ich Hemmungen mich nackt zu zeigen…wobei sich das extrem verbessert hat.

.

Apropos nackt sein: als ich früher zur Toilette gegangen bin mit Bekannten oder Freunden von meinen Eltern, wurde mir oft gesagt: „Dein Zukünftiger – Katja – wird sehr glücklich über deinen Po sein!“. Einerseits war ich als Jugendliche sehr genervt von solchen Kommentaren, weil ich es zum Teil auch als übergriffig empfand. Andererseits hat es mir auch geschmeichelt, weil ich es wirklich häufig zu hören bekam. Heute fällt mir auf, dass es mein Lieblingskörperteil an mir ist. Vielleicht weil mein Po über die Jahre sehr viele Komplimente bekommen hat, aber natürlich in erster Linie, weil er mir selber sehr gut gefällt. Wenn man im Bereich der Pflege auf Assistenz angewiesen ist, ist man leider häufig den Kommentaren der Menschen ausgesetzt, die dir assistieren… so zu mindestens meine Erfahrungen. In der Familie bekam ich immer zu hören, dass ich eine Kopie meiner Tante sei. Meine Tante ist bekannt als eine wunderschöne Frau. „Du hast nicht nur ihr Gesicht, sondern auch ihre Figur. Das würde man deutlicher sehen, wenn deine Skoliose nicht wäre.“, sagte man mir. Und da war es wieder. Dieses: du bist schön, aber… Was sollte ich davon halten? Irgendwie habe ich mich über das Kompliment gefreut, aber es hat mich stark verunsichert und mir das Gefühl gegeben, dass irgendetwas an mir nicht ausreicht.

Ich muss sagen, dass ich selten aufgrund meiner Behinderung im Kindes- oder Jugendalter gehänselt wurde. Aber wenn dies der Fall war, dann hat es mich so richtig getroffen. „Bist du schwanger, oder warum hast du so einen dicken Bauch?“, wurde ich manchmal gefragt. Meine Mutter versuchte mich immer zu trösten, in dem sie erklärte, dass ich dafür nichts könnte und dass aufgrund der Skoliose sich meine Organe verschoben haben. Ich sollte mir aus den Kommentaren anderer nichts machen, aber zeitgleich sollte ich bei meiner Kleidung immer darauf achten, dass dieses „Manko“ kaschiert wird. Wahrscheinlich eher aus Schutz, um solche Situationen für mich zu vermeiden. Aber wenn man dem Kind mitgibt, eine bestimmte Körperstelle zu kaschieren, um eventuell nicht gehänselt zu werden, hilft es einem nicht dabei dazu zu stehen. Vielmehr verleiht es einem das Gefühl, dass da etwas ist, was mit dir nicht stimmt. So habe ich es jedenfalls empfunden… Als Teenie habe ich häufig davon geträumt oder mir gewünscht mich so oft, wie es nur geht unter das Messer zu legen, nur um so auszusehen, wie alle anderen Mädels in meinem Alter… Von dieser Fantasie habe ich mich längst gelöst. Wobei wenn ein heißer Typ neben mir auf dem Sofa im Wohnzimmer liegt, denke ich schon daran mich ganz schnell einer klitzekleinen OP zu unterziehen, um wenigstens ein bisschen mit seinem durchtrainierten Körper mithalten zu können. Nein, ich meine, viele Frauen haben doch in dieser Hinsicht Komplexe. Ich glaube es ist wichtig als Frau mit einer Behinderung sich von dem Gedanken zu lösen, dass die Behinderung den Körper unattraktiv macht. Jeder hat etwas an sich auszusetzen und manchmal steigern wir uns zu sehr in diese „Makel“ hinein und sehen wohl nur noch schwarz, so ist es jedenfalls bei mir.

Meine Körpererfahrungen bezüglich der Selbstbefriedigung waren sehr einfältig. Dennoch habe ich meinen Körper sehr früh auf diese Weise kennengelernt… Ich habe schnell herausgefunden, was ich tun muss, um einen Orgasmus zu bekommen. Allerdings blieben Berührungen von mir selbst komplett auf der Strecke, weil ich noch nie die Möglichkeit hatte mich am ganzen Körper selbst zu berühren. Das wirkte sich natürlich auf meine ersten sexuellen Erfahrungen aus. Fragen über Fragen beschäftigten mich, aber auch Sorgen begleiteten mich ein wenig. Wie wird es sich anfühlen, wenn ein Mann in mich eindringt? Schließlich konnte ich mich nie unten herum ertasten oder meine Finger in mich einführen. Hätte ich diese Möglichkeit gehabt, wäre ich vielleicht selbstsicherer bei meinen ersten sexuellen Erfahrungen gewesen…

Von Natur aus war ich ein faules Kind, daher hat mir das Toben nicht wirklich gefehlt. Wenn man mich in den Sandkasten setzen wollte, wollte ich lieber eine kleine Schüssel mit Sand auf meinem Fußbrett gestellt bekommen, um meine Füße in den Sand stecken zu können. Damit war ich schon überaus glücklich. Was mir allerdings aufgefallen war, dass die Kontakte meiner Eltern ein wenig gelitten haben, weil die wenigsten Freunde/Bekannte eine barrierefreie Wohnung hatten. In der Familie war das alles gar kein Problem. Es war selbstverständlich, dass ich hoch getragen werden musste. Menschen allerdings, die vorher keine Berührungen mit Menschen mit Behinderung hatten, waren eher gehemmt meine Eltern einzuladen, weil sie vielleicht glaubten, dass das ihnen Umstände bereiten würde. Ich würde nicht sagen, dass ich deshalb unter großen Schuldgefühlen litt, aber irgendwo tat es mir schon manchmal leid, dass meine Eltern weniger eingeladen wurden, weil ich eben im Rollstuhl sitze… Je älter ich wurde, desto eher waren meine Eltern unterwegs, weil ich zu Hause alleine bleiben konnte, dementsprechend erübrigte sich das Thema irgendwann.

Leider hatte ich das Los gezogen einen Familienangehörigen eine lange Zeit an meiner Seite zu haben, der absolut nicht mit meiner Behinderung zurecht kam. Ich würde dieser Person große Überforderung zuschreiben, die hin und wieder in körperlicher Gewalt ausartete, bei der ich natürlich den Kürzeren gezogen habe…der einzige Grund für diese „Aussetzer“ war mein „zu häufiges“ Rufen nachts, weil ich meine Liegeposition geändert haben wollte. Ganz schön traurig… ich weiß nicht, wie ich es euch erklären soll, aber gerade die Verbindung zwischen diesem Menschen und mir, bei der ich viel Demut und Schmerz erfahren musste, hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin… So zerbrechlich und sensibel, wie ich hin und wieder sein kann, diese Lebenserfahrung hat mich stärker und selbstbewusster werden lassen. Manchmal wünschte ich mir, dass ich auf eine andere Weise gelernt hätte eine starke Persönlichkeit zu werden… Aber es ist, wie es ist und vielleicht mag es verrückt klingen, aber ich bin dankbar dafür, weil ich heute sagen kann, dass mich eigentlich nichts so leicht aus der Fassung bringt. Ich habe in dieser Beziehung gelernt, was ich mir selbst wert bin und wie ich behandelt werden möchte… Gewalt, Demut, Wertungen bezüglich meines Köpers und Schuldzuweisungen waren damals die ständigen Begleiter meiner Kinder- und Jugendzeit. Deshalb kann ich mein heutiges Leben in Freiheit in Köln umso mehr schätzen und genießen- sogar mit ausschließlich figurbetonter Kleidung 😉

Ich könnte noch so viel dazu erzählen, aber das würde hier den Rahmen sprengen.. Vielleicht gibt es ja irgendwann ein Buch von mir 😉

Ich verabschiede mich von euch bis zu meinem nächsten Artikel

Katja <3