Die PARTEI, mein Assistenzdilemma und einfach ich

     

„Komm doch mal aus dir heraus, Katja“, wie ich diesen Satz von meiner Freundin liebe. Was so viel heißt wie: öffne dich für neue Dinge!

Es gab unzählige Abende/Tage an denen sie mir gepredigt hat politischer zu werden. Ich bin zwar wählen gegangen, aber da endete dann auch mein politisches Engagement schon.

Ich hätte ihrer Meinung nach viel zu sagen… Allerdings habe ich mich in keiner Partei so richtig gesehen. In den schwächsten Momenten meines Singledaseins hat sie mir nach beschissen gelaufenen Dates, wenn ich Trübsal geblasen habe, YouTube-Videos von Martin Sonneborn gezeigt und mir somit immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Normale Freunde trösten mit Eis und Schokolade, meine Freundin mit Politik. Nein, es gab auch Eis und Schokolade, Martin Sonneborn war eben noch das i-Tüpfelchen. Irgendwann war ich darauf konditioniert, ihn zu recherchieren, wenn es mir nicht gut ging. Klingt nach einer Gehirnwäsche? Sehe ich auch so!

Diesen kleinen Funken, den die Partei Die PARTEI dank Martin Sonneborn in mir auslöste, wollte meine Freundin anscheinend unbedingt zu einem großen Feuer entfachen und hat  deshalb über meine E-Mail-Adresse Martin Sonneborn geschrieben, der mir/uns tatsächlich auch geantwortet hat. Er lud uns in dieser E-Mail zu einer Veranstaltung in Köln ein, auf der er einen Vortrag halten sollte. An diesem Tag hatte ich die Möglichkeit eine kurze Unterhaltung mit ihm zu führen und nach einer sehr amüsanten Diskussion, ob er mich als seine Quotenbehinderte in der Partei benötigt oder nicht (er hat dankend abgelehnt, sich aber gewünscht, dass ich mich als „Normalo“ in der Partei engagiere), habe ich mich endgültig in ihn verliebt. Schon vor dem Treffen mit ihm hat meine Freundin mit dem KV Köln Rücksprache darüber gehalten, ob die Location barrierefrei ist, in der sich die Genossen treffen. Eine barrierefreie Location war zu dem Zeitpunkt nicht gegeben. Wir wurden witzigerweise nach der Veranstaltung aber von einem Genossen angeschrieben, der uns versprochen hat, dass sich das bald ändern wird…meine Freundin könnte schon mal ihren Gepäckträger (ich war mit dem Gepäckträger gemeint) besteigen und mit mir losdüsen, schrieb er.

Eigentlich war es unser gemeinsames Projekt, aber nachdem sie mich ein bis zweimal begleitet hat, hatte sie keine Zeit mehr mitzukommen. Ich unterstelle ihr immer noch, dass das ein perfider Plan war, mich in die Politik zu stecken. Du Swein Hunde!

Der Anfang dann ohne meine Freundin war erstmal nicht so easy für mich. Das lag aber nicht an der Partei. Zuerst einmal kam ich in eine Gruppe, die bereits zusammengewachsen war. Natürlich macht man sich Gedanken, wie man als „die Neue“ ebenfalls hineinkommt. Aber gut, das unterscheidet mich nicht großartig von den Anderen, die auch neu dazukommen. Vielmehr war ich verunsichert, weil ich nicht wusste, wie ich die Assistenz handhaben soll. Bei den Stammtisch-Treffen der Partei Die PARTEI waren nur mir unbekannte Menschen um mich herum. Der einzige Mensch, der mir vertraut war, war meine Assistentin. Mir war noch nicht danach fremde Menschen darum zu bitten an mein Portmonee zu gehen, um für mich zu zahlen und mir anschließend mein Getränk anzureichen… Das war für mich eine neue Situation.

Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, übernehmen sie die kleinen Handgriffe und wenn sie darauf keinen Bock haben, dann ist die Assistenz trotzdem irgendwie „unsichtbar“. Sie kommt, wenn ich etwas brauche und geht wieder, wenn ich nichts brauche. Wenn der benötigte Handgriff etwas länger dauert, beteiligen sie sich auch nicht immer an den Gesprächen mit meinen Freunden. Die Beschreibung klingt jetzt vielleicht ein wenig hart, aber so brauche ich das. Ich möchte nicht in alle meine Lebensbereiche meine Assistenz hineinlassen und wahre deshalb eine gewisse Distanz, weil ich ansonsten verrückt werden würde. Jeden Tag einen Menschen um mich herum oder in meiner Nähe zu haben, kann mich manchmal ganz schön wahnsinnig machen, darum muss ich einen Weg für mich finden meine Privatsphäre aufrechterhalten zu können.

Da ich größtenteils Tinder-Dates habe, kommt es relativ schnell zur Sprache, dass ich hier und da auf „Hilfe“ angewiesen bin. Ich gehe offen in meinem Datingleben mit meiner Behinderung um, daher ist vor dem ersten Date so ziemlich alles geklärt und die Typen wissen, was sie erwartet und wie sie mir behilflich sein können, um wirklich zweisam sein zu können. Ich Fuchs, habe auch mittlerweile Tricks ausgetüftelt, mit denen ich dafür sorgen kann, dass mein Date und meine Assistentin sich gar nicht in der Wohnung begegnen müssen. Auf das alles bin ich vorbereitet.

Ja, und bei der Partei Die PARTEI war ich ein wenig überfordert. Aus den vorhin genannten Gründen war es mir anfangs lieber meine Assistentin bei mir zu haben. Nach einer gewissen Zeit ist mir auch aufgefallen, dass meine Genossen sich die Handgriffe von meinen Assistentinnen abgeschaut haben und diese automatisch irgendwann übernommen haben. Man hat sich eben näher kennengelernt, hat vielleicht auch außerhalb der Partei etwas unternommen oder ist nach dem Stammtisch noch was essen gegangen. Bald kristallisierten sich die ersten Lieblinge heraus. Menschen, die über meine geistigen Aussetzer großzügig hinwegsehen und darüber schmunzeln können. Zwinker.

Von Anfang an wurden natürlich meine Assistentinnen miteinbezogen, alles andere erscheint einem Außenstehenden selbstverständlich unhöflich. Irgendwann hat es aber angefangen mich zu stören. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich übertreibe und woran das liegen könnte. Denn wenn ich eine Freundin dabei hatte mit der ich nicht noch zusätzlich ein Arbeitsverhältnis habe, hat es mir nichts ausgemacht, sobald es aber die Assistentin war, war ich unglücklich mit der Situation. Bei manchen meiner Assistentinnen fiel es mir schwer zu sagen, dass sie Abstand halten sollen, weil ich gemerkt habe, dass sie begeistert von dem Stammtisch waren und auch nette Unterhaltungen mit den Parteimitgliedern geführt haben. Vor allem, wenn das Arbeitsverhältnis auch noch eine freundschaftliche Komponente hat, fiel es mir noch schwerer sie darum zu bitten.

Ich weiß nicht, ob es an meinen Erfahrungen liegt, die ich bisher immer mal wieder im Leben so gemacht habe. Es gab hier und da Phasen/Situationen in denen ich mich aufgrund meiner Assistenz nicht als alleinstehende Person wahrgenommen gefühlt habe. Das fing in der Schule an, dass mir hin und wieder unterstellt wurde, dass ich meine guten Noten meinen Assistenten zu verdanken habe, weil ich schon immer meinen Assistenten in den Klausuren diktieren musste. Mündlich war ich immer eine Niete, weil ich nie Bock hatte mich zu melden und schriftlich war ich eine super Schülerin. Ich erinnere mich noch, wie meine Spanischlehrerin darüber verwundert war, dass meine Noten nicht schlechter wurden, nachdem ich eine Assistentin bekam, die absolut kein Wort Spanisch konnte.

In meinem Datingleben begegnet mir das auch zwischendurch, da manche Kerle sich einen Dreier mit mir und meiner Assistentin erhoffen (zum Glück gibt es diese Exemplare eher weniger), sobald sie von meiner Lebensform mit der persönlichen Assistenz erfahren. Auf der Straße sprechen manche Menschen meine Assistentin an, obwohl sie eigentlich was von mir wissen wollen… Ich könnte so fortfahren.

Mit meiner geliebten Lebensberaterin und zeitgleich besten Freundin Sarah habe ich darüber gesprochen, vor allem weil mir mein innerlicher Wettbewerb mit meiner Assistentin total peinlich war. Ich dachte, sie lacht mich aus. Aber nein, sie hatte Verständnis und meinte dazu, dass es vollkommen egal sei, weshalb ich möchte, dass meine Assistentin sich zurückhält. Sobald ich mich auf irgendeiner Weise von meiner Assistenz eingeschränkt fühle, erfülle diese nicht den Sinn dieser Lebensform. Sie erinnerte mich nochmal daran offen mit meinen Mädels zu reden und klare Regeln aufzustellen, denn so lustig und toll meine Assistentinnen manche meiner Aktivitäten finden mögen, hat jede einzelne von ihnen nach dem Dienst ihr eigenes Leben wieder. Ich hingegen habe für den Rest meines Lebens einen „ständigen Begleiter“ an meiner Seite und muss für mich persönlich einen Weg finden glücklich zu werden.

Ich verstehe natürlich, weshalb manche meiner Mädels sich in meiner Partei wohlfühlen und eher weniger abseits sitzen möchten. Ich glaube, ich hatte noch nie so viele normal-denkende Menschen, die auch noch im positiven Sinne gesellschaftskritisch sind auf einem Haufen.

Beim Kennenlernen meiner Genossen konnte ich auch kein Rollstuhl-Bingo spielen. Kein einziger Mensch der folgende Sätze rausgehauen hat: „Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht.“, „Du arme… So hübsch und dann im Rollstuhl.“, „Ich wäre auch mal fast in so einem Ding gelandet.“, „Kann man da noch was machen?“, „Du inspirierst mich!“, „Toll, dass du trotzdem rausgehst und dein Schicksal so großartig meisterst.“ Die Klassiker eben!

Scherz, das habe ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet. Eine Partei, die sehr gute Politik betreibt und schon bald die Weltherrschaft an sich reißen wird, muss für alle möglichen Menschen offen sein und tolerant miteinander umgehen. Nazis, die FDP, Seehofer, Merkel usw… ausgeschlossen, versteht sich von selbst.

Nach dem letzten Stammtisch fuhr ich mitten in der Nacht am Rhein entlang nach Hause und fragte meine Assistentin, ob sie dieses oder jenes mitbekommen hat und lobte sie dafür, wie gut sie mir mein Getränk ohne Strohhalm angereicht hat. Ich lass das nämlich nicht jeden machen, weil ich nicht vollgekleckert werden will. Nachdem ich meinen Lob ausgesprochen habe, fiel mir ein, dass eine Genossin mir dabei assistiert hat. Meine Assistentin lachte und wies mich ebenfalls darauf hin, dass sie weder was mitbekommen, noch mir assistiert hat. Klingt vielleicht verrückt, aber ich verspürte eine Art Glücksgefühl, weil ich ihr was erzählt habe was sie nicht beobachtet hat.

Ich genoss die Aussicht auf den Rhein und dachte mir, dass es genau das ist, was ich wollte. Einfach nur ich sein, einfach Katja in der Partei Die PARTEI.

Liebste Grüße aus Köln, ihr Lieben!

Eure Katja

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