Flirtet er etwa mit mir?

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Es war ein Sonntag wie immer. Vor allem aber regnerisch dieses Mal. Ich war auf dem Weg nach Köln und ein wenig betrübt, weil ich mich soeben von meinem Tim verabschiedet hatte und die ganze Zeit daran denken musste, dass wir uns die nächsten zwei Wochen nicht sehen konnten.

Es war auch noch so ein Tag, an dem ich mich einfach unattraktiv gefühlt habe. Ich trug eine graue Jogginghose und einen schwarzen „Schlabber-Pulli“, auf dem „Mrs. 17.05.2014“ stand. Ich war ungeschminkt und hatte einen Dutt auf dem Kopf – sah also mega gammelig aus!

Nun war es soweit, ich war angekommen. Der Zug hatte über 30 Minuten Verspätung. Das machte natürlich noch schlechtere Laune und das sah man mir auch an, aber das störte wohl den Zugbegleiter der Deutschen Bahn nicht. Als er die Rampe für mich ausfuhr, fragte er mich aus, ob ich aus Köln sei oder ob ich jemanden besuchen würde. Ich sagte ihm, dass ich aus Köln sei, woraufhin er direkt wissen wollte, aus welchem Stadtteil ich komme. Ich hatte keine Lust auf Small-Talk, deshalb beantwortete ich kurz die Frage und verließ den Zug. Ob er versucht hatte, mit mir zu flirten? Ich weiß es nicht.

Zeitgleich bekam ich eine Nachricht von meiner Assistentin, in der stand, dass ich mich doch bitte beeilen und vom Gleis runter kommen solle, weil sie von einem alten Lustmolch angemacht würde. Ich stellte es mir bildlich vor und bekam einen Lach-Flash, gab ihr noch den Tipp, nicht drauf einzugehen und eilte mit meiner Assistentin, die sich auf ihren Feierabend freute, runter. Als ich unten ankam, war ihr Verehrer schon weg. Wir beide verabschiedeten uns von der Assistentin, die Dienstschluss hatte, und gingen dann zur Bahnhaltestelle. Sie erzählte mir von ihrer seltsamen Begegnung und ich hatte meinen Spaß daran.

Als wir bereits in der Bahn saßen, stieg irgendwann ein junger Mann ein, den ich eigentlich nicht wirklich wahrgenommen hatte. Ich merkte jedoch schnell, dass er mich die ganze Zeit ansah. Irgendwie musste ich dann an die Situation denken, in der meine Assistentin eben am Hauptbahnhof war. Ich fing an Tränen zu lachen! Irgendwie war der Typ davon amüsiert und grinste abwechselnd meine Assistentin und mich an. Ich beruhigte mich, denn mein Lachkrampf wurde langsam peinlich… Die Bahn fuhr stockend und ich hatte Sorge, dass gleich eine Durchsage käme, in der wir gebeten würden, die Bahn zu verlassen, weil sie defekt wäre. Wir waren zu dem Zeitpunkt am Barbarossaplatz. Meine Assistentin und ich unterhielten uns darüber, wie ich wohl aussteigen würde, wenn wir wirklich raus müssten. (Der Barbarossaplatz ist nicht barrierefrei, man muss aus der Bahn die Treppen runter). Es war keine ernsthafte Unterhaltung, wir machten hauptsächlich Witze.

„Jetzt mal im Ernst. Was machst du dann? Wie kommst du raus?“, mischte sich der junge Mann ein. Dann erst sah ich, dass er attraktiv war. Etwas jung, aber gutaussehend. Wir unterhielten uns ein wenig, er war etwas verunsichert, aber auf jeden Fall irgendwie interessiert. Nachdem er mich gefragt hatte, ob ich einen Freund hätte, verriet ich ihm, dass ich verlobt bin. Er wünschte mir, oder uns, alles Gute und wir verließen gemeinsam die Bahn. Unsere Wege trennten sich, es war eine kurze Begegnung.

Solche Begegnungen hat man doch häufig, oder? Und jedes Mal stelle ich mir die Frage, ob der Typ eben mit mir geflirtet hat. Warum eigentlich? Wieso zweifel ich so etwas an? Genau so war es auch in der Bahn. Auf dem Weg von der Bahn zu mir nach Hause fragte ich mich, ob der junge Mann mich attraktiv fand. Er war groß, schlank… Hatte – wie ich finde- ein sehr hübsches Gesicht… Früher wäre er auf jeden Fall etwas für mich gewesen. Ich musste auf dem Heimweg schmunzeln. Dabei fiel mir meine Mutter ein. Ich weiß, es klingt vielleicht ein bisschen krank, aber ich erkläre es euch: Ich hatte in den letzten Tagen echt eine harte Zeit hinter mich gebracht. Mir ging es nämlich gesundheitlich nicht gut und wen hat man in solchen Zeiten am liebsten bei sich? Den Partner und natürlich die Mama. Da mein Schatz arbeiten musste, habe ich mehr Zeit mit meiner Mutter verbracht. Ich habe mit ihr an einem Tag über eine damals gemeinsame Bekannte gesprochen, die damit zu kämpfen hat, dass ihre Mutter es ihr nicht zutraut, einen Partner zu finden und ein Sexualleben zu führen. Diese sogenannte Bekannte hat die gleiche Behinderung wie ich – spinale Muskelatrophie. Von der eigenen Mutter zu hören: „Du könntest beim Sex bestimmt kaputt gehen, Liebes!“, ist schon ganz schön hart. Davon kann ich auch ein Lied singen… Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich es nicht verstehe, wieso Eltern von Kindern mit einer Behinderung aus dem Thema Partnerschaft und Sexualität ein so großes Tabu machen.

Sie war nicht besonders erfreut darüber, dass ich das Thema ansprach. Meine Mutter wurde rot, ich nahm an, dass sie peinlich berührt war.

Mama: „Was meinst du?“

Ich: „Du wusstest ganz genau, wann und in wen ich verliebt war. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass du das umgehen wolltest und es unter den Tisch gekehrt hast. Einmal habe ich mitgehört, wie du unserer Nachbarin besorgt erzählt hast, dass ich wahrscheinlich verliebt sei.“

Mamas Augen füllten sich mit Tränen: „Ja, ich habe mir Sorgen gemacht. Ich hatte Angst, dass dich jemand hintergeht oder sogar ausnutzt…“

Das hat gesessen…!

Liebste Mama, wenn du diesen Beitrag lesen solltest: Ich liebe dich!

Ich habe es mir schon gedacht, dass du dir Sorgen dieser Art gemacht hast. In unserer Gesellschaft ist es üblich, dass man auf die Töchter gut Acht gibt, besonders in unserem Kulturkreis (ich bin eine Halbrussin). Zudem bin ich ihr erstes Kind, dass sie vielleicht unter widrigen Umständen zur Welt bringen musste. Wir kommen aus Kirgistan und die medizinische Versorgung ließ dort wirklich zu Wünschen übrig, was zur Folge hatte, dass ich auch völlig unterversorgt war. In einer solchen Situation kümmert sich eine liebevolle Mutter hingebungsvoll um ihr Kind und diese hingebungsvolle Liebe erhielt ich von meiner Mama in vollem Maße! Daraus entstand natürlich eine innige und tiefe Liebe… Ich kann mir gut vorstellen, dass es dann schwierig ist, beobachten zu müssen, dass dieses damals kleine Wesen sich abkapselt und sich so langsam für die große weite Welt interessiert… Und vielleicht sogar für das andere Geschlecht. Ich glaube nicht, dass es mir meine Mutter nicht gegönnt hat, mich zu verlieben und glücklich zu werden. Aber wenn du ein Kind auf die Welt bringst, um das sich deine ganze Welt gedreht hat, obwohl alle Außenstehenden dir davon abgeraten haben, es zu behalten, fällt es schwer, es loszulassen, wenn du es so stark abgeschirmt hast. Gerade die Erfahrung zu machen, dass dein gesamtes Umfeld versucht, dich zu überreden, dein über alles geliebtes Kind ins Heim zu geben, verstärkt deine Unsicherheit, dass es vielleicht doch keinen Platz in einer Gesellschaft hat, die nicht wirklich offen für das „anders sein“ ist… Und seien wir ehrlich: noch nicht einmal heute sind Menschen mit einer Behinderung als vollwertige Sexualpartner oder generell als Partner in unserer Gesellschaft angekommen. Das war in meiner Jugendzeit nicht anders. Im Gegenteil, wahrscheinlich war dieses Denken noch stärker vertreten und das war meiner Mama schmerzlich bewusst. Sie wollte mich schützen… schützen vor Enttäuschungen.

Früher hatte ich allerdings nicht die nötige Reife, ihre Reaktionen auf meine Verliebt-sein-Phasen aus ihrer Sicht zu betrachten. Heute kann ich sagen, dass das vielleicht Erklärungen sind, die ich eben genannt habe, aber ich hätte mir gewünscht, dass meine Mutter anders mit dem Thema Partnerschaft umgegangen wäre. Ich hätte mir gewünscht, dass sie mir zugesprochen hätte, wenn ich ihr sagte: „Mama, ich finde David so unglaublich hübsch und wundervoll.“ . Stattdessen hat sie es entweder ignoriert oder so etwas gesagt wie: „Ach Schätzchen, Männer sind Egoisten. Sie schätzen noch nicht mal gesunde Frauen…“. Ich habe dann meistens die Augen verdreht oder darüber gelacht. Ich glaube, diese Reaktionen haben mich mehr geprägt, als ich dachte… Wenn man dann auch noch von Bekannten zu hören bekommt: „ Ich habe letztens über dich nachgedacht, du kannst dich ja auch verlieben, oder?“, „Ich glaube schon, dass du irgendwann einen Freund haben wirst, der muss nur so sein wie du.“… Dann ist das der Tod für das eigene Selbstbewusstsein.

Wie soll man auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn dein Wunsch nach einem Partner belächelt wird oder solche Kommentare wie oben genannt. fallen?

Durch diese und noch weitere, ähnliche Erfahrungen, habe ich sehr große Selbstzweifel entwickelt. Ich habe mich selbst gefragt, was ich einem Mann schon geben kann.

Schließlich kann ich mich kaum bewegen, bin dementsprechend auf sehr viel Hilfe angewiesen und wäre aus dieser Sicht nur eine Belastung für einen Partner. Dann gibt es da noch meine Skoliose, die meiner Behinderung mit sich bringt und meinen Oberkörper verformt aussehen lässt.

Irgendwann habe ich es generell auch angezweifelt, dass ein Mann mich aufgrund dessen, dass ich im Rollstuhl sitze, attraktiv finden könnte. Ich fand irgendwann so gut wie gar nichts an meinem Körper schön, hatte dadurch unheimlich viele Komplexe entwickelt. Als Jugendliche hatte ich mich auch gefragt, ob ein junger Mann überhaupt eine Erektion kriegen würde, wenn er mich nackt sieht oder ob ich jemals ein Sexualleben führen würde.

Erst heute mit 27 Jahren kann ich sagen, dass mein Körper auch sehr schöne Stellen hat. Ich habe mit den Jahren Stellen an meinem Körper lieben gelernt, die ich früher absolut nicht schön an mir fand.

Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir bewusst, dass sich eine Zeit lang darauf erpicht war, möglichst viele Komplimente von Männern „zu ergattern“, um Bestätigungen zu bekommen und auch um mir selbst, aber auch meinem Umfeld zu beweisen, dass man mich durchaus attraktiv findet. Wenn ich beispielsweise ausgegangen bin und an einem Abend nicht genügend oder sogar gar keine Aufmerksamkeit von Männern bekommen habe, habe ich direkt angefangen, an mir zu zweifeln. Mir ist heute klar, dass das ein absolut falscher Ansatz war, mich selbst zu akzeptieren. Ich musste lernen mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und nicht mehr so viel Wert darauf zu legen, wie ich beim anderen Geschlecht ankomme. Ich bin ehrlich gesagt immer noch sehr kritisch mit mir, aber ich bin definitiv zufriedener und glücklicher mit meinem Körper geworden.

Selbstverständlich höre ich immer noch gerne Komplimente und freue mich, wenn mich ein hübscher, junger Mann anflirtet, aber es bricht für mich nun keine Welt mehr zusammen, wenn ich nicht angesprochen werde.

Als Jugendliche hat man es generell schwer, weil man häufig unzufrieden mit sich selbst ist, aber wenn man dann auch noch von der eigenen Familie unbewusst eingetrichtert bekommt, dass man vielleicht als Partner aufgrund der Behinderung nicht ausreichen könnte, dann ist es ein verdammt langer Weg aus dieser Misere herauszukommen. Schließlich habe ich es irgendwann geglaubt und erwische mich immer noch dabei, wie zum Beispiel bei der Situation mit dem jungen Mann in der Bahn.

Mit meinen Selbstzweifeln habe ich mir wohl viele Möglichkeiten entgehen lassen…

Deshalb an alle Single-Ladys da draußen: Ihr seid wunderschön! Na klar, findet der Typ dich gut, wenn er dich in ein Gespräch verwickelt. Selbstzweifel zerfressen uns und verschleiert unseren Blick vielleicht auf die schönen Begegnungen in unserem Leben.

Konzentriert euch darauf euren Körper so zu lieben, wie er ist. Und dann alle Frauen, die eine Behinderung haben, hört auf euch darüber Gedanken zu machen, ob ihr euren Partner zur Last fallt oder nicht. Genießt das Leben und lasst die Dinge auf euch zukommen. Es bringt nichts vorher darüber nachzudenken, was alles vielleicht schwierig verlaufen könnte. Ihr werdet es nie herausfinden, wenn ihr es nicht ausprobiert… Wenn man selber an sich zweifelt, dann verunsichert das auch unser Gegenüber.

Ich finde sowieso, dass Menschen sich mehr trauen sollten, zu ihren Gefühlen zu stehen, und diese dem anderen mitteilen sollten. Was hat man schon zu verlieren? Eine Abfuhr schmerzt manchmal ungemein, aber danach kommen wieder schönere Momente… Und wer weiß vielleicht kommt es zur keiner Ablehnung?! Ihr dürft euch nur eure Chancen nicht entgehen lassen!

Bis bald…

Eure Katja <3

3 Gedanken zu „Flirtet er etwa mit mir?“

  1. Vielen Dank liebe Katja, für diese wundervollen Worte. Danke, dass du deine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle mit uns teilst.
    Ich als gesunder Mensch habe grad arg damit zu tun, mich zu akzeptieren und zu lieben wie ich bin. Aber du hast recht, man verpasst so viele tolle Momente, wenn man ständig an sich zweifelt und alles nur von anderen abhängig macht. Deine Worte sind Kraft gebend und ermutigend. Ich wünsche dir alles Gute und weiterhin ganz viele glückliche Momente.
    LG Lydia.

  2. Ich finde, dass du eine wunderhübsche Frau bist!
    Aber vor allem finde ich es super wie offen du über Sexualität und über die „Probleme“ bzw. eher die Selbstzweifel einer Frau schreibst, die rational gesehen schon manchmal sehr doof sind. 😀 Wir Frauen machen uns da oft sehr abhängig von der Meinung der Anderen, aber vor allem der Meinung der Männer.
    Seid stolz auf euch. Seid ihr selbst. Seid offen für Neues.
    Danke für diesen wunderbaren Blog, Katja! Und danke, dass du uns einen Einblick in dein Leben gewährst.

  3. Hi Katja 🙂

    toller Post – ich habe wirklich nur in einer Tour geschmunzelt beim Lesen. Richtig klasse.

    Es ist so herrlich erfrischend zu lesen, dass dir die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen wie mir, wenn du einen hübschen Mann siehst.
    Diese elenden Selbstzweifel habe ich bis heute. Und ich bin auch schon 27. Trotzdem denke ich mir immer noch: meint der jetzt wirklich mich? Flirtet der mit mir? Nein, bestimmt nicht… Oder etwa doch?!

    Das ist wohl so eine allgemeine Frauen-Krankheit, dass wir einfach nicht wahr haben wollen / können, dass wir eigentlich doch schon ziemlich toll sind.

    Ich grabe mich nun noch weiter durch deine Posts und bestimmt liest man noch voneinander.

    Liebe Grüße
    Carina

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